Rund um den Rost – unser Grillguide Teil II

Mythen und Sagen: Ein kurzer Faktencheck

Mit dem Grillen ist es wie mit einem Spiel der Fußballnationalmannschaft: Spätestens wenn der Ball rollt, ist plötzlich jeder ein Bundestrainer! Doch während das vermeintliche Expertenwissen der Umstehenden beim Public Viewing kaum bis genau genommen gar keine Auswirkungen auf den Spielverlauf nimmt, kann es beim gemeinsamen Grillabend durchaus anders laufen. Vor allem, wenn sich der ein oder andere spontan berufen fühlt, das Zepter respektive die Grillzange einfach an sich zu reißen, obwohl die faktische Qualifikation zum Grillmeister lediglich aus dem nachweislich ungezügelten Fleischappetit des Betreffenden besteht.

Um auf (oder gegen) die drei strittigsten Expertentipps am Grillfeuer tunlichst vorbereitet zu sein, haben wir einen kurzen Faktencheck zusammengestellt. Dieser garantiert zwar beileibe noch keinen gelungenen Grillabend, geschweige denn perfekt auf den Punkt gegartes Grillgut. Vielleicht hilft er im Zweifelsfall aber, zumindest die offensichtlichste Spreu vom Weizen zu trennen und die schlimmsten Grill-Scharlatane von jenen unterscheiden zu können, die vielleicht doch ein wenig Ahnung von der Sache haben.

  1. Fleisch vor dem Grillen unbedingt aus dem Kühlschrank nehmen!
    Als Tipp schon allein deshalb zu beherzigen, da Kühlschränke auf Kontakt mit über 500°C heißen Rostschienen allergisch reagieren. Aber Spaß beiseite – diesen Ratschlag darf man getrost vernachlässigen. Behauptungen wie „gleichmäßig temperiertes Fleisch gart auch gleichmäßiger“ oder „Fleischporen von zu kaltem Fleisch schließen sich bei Hitzeschock zu schnell und das Fleisch wird zäh“ gehören eher in den Bereich der Mythen. Man bedenke: Die Differenz zwischen Kühlschrank und Raumtemperatur beträgt selten mehr als 25°C. Die Differenz der Fleischtemperatur selbst dürfte selten bei mehr als 10°C liegen. Der Sprung zur Temperatur, die auf einem durchschnittlichen Grillrost herrscht, ist in beiden Fällen mehr oder weniger gleich extrem!  Kühlschrankkaltes Fleisch kann der Rost-Temperatur übrigens nichts Nennenswertes anhaben – auch dieses Argument ist gelinde gesagt Unfug. Wer zweifelt, kann ja mal die eigene Hand zwei Minuten auf Eis legen und versuchen, mit eben dieser den Grillrost runterzukühlen… eben!
  2. Brennende Kohle mit Bier ablöschen bringt Aroma und verhindert, dass das Fleisch in den Flammen verkohlt.
    Ganz eindeutig: Jein. Aromen fügt man hiermit weder der Kohle noch dem Fleisch zu. Verkohltes Fleisch wird zwar vermieden, allerdings nur, weil man die gerade erst mühsam generierte Grilltemperatur auf ein bedrohlich niedriges Level absenkt. Besser ist es, die Flammen mit einem Wasserzerstäuber behutsam abzulöschen.
  3. Keine Fleischgabel zum Drehen des Fleisches verwenden!
    Argument: Man perforiert das Fleisch, sodass Flüssigkeit entweicht. Das Fleisch wird zäh und trocken. Klingt zunächst plausibel. Fragt man aber danach, wie oft man das Fleisch im besten Fall wenden soll, erhält man von denselben Experten meist die Antwort: Möglichst nur einmal. Fazit: Es kommt eher auf den Grillmeister und dessen Fähigkeiten an, ob das Fleisch mit der Gabel im Wortsinn perforiert (lat. perforare, durchboren) oder einfach behutsam angehoben wird.

Zum Schluss noch ein wirklich ernster Tipp von uns: Der beste Grillmeister und der beste High-Tech-Grill bringen wenig, wenn das verwendete Grillgut qualitativ schlecht ist. 60-Cent-Würstchen auf dem 300-Euro-Grill sind ein Phänomen, das einem leider viel zu oft begegnet – und das man durchaus einmal kritisch überdenken dürfte.

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